Wurzen/Nitzschka/Dehnitz. 30 evakuierte Personen in Dehnitz,
15 Familien, die in Nitzschka ihre Häuser verlassen mussten: Scheinbar
nicht sonderlich ins Gewicht fallende Zahlen im Anbetracht der schier unüberschaubaren
Menge an Leid und Elend, die in diesen Tagen Menschen entlang von Mulde,
Elbe, Donau und Saale erleiden müssen. Für jeden einzelnen Betroffenen
jedoch mindert das Wissen, Teil einer großen Schicksalsgemeinschaft
zu sein, das eigene Leid nur unwesentlich.
Man mag kaum glauben, dass es für Christine und Gert Andrä
noch schlimmer hätte kommen können. Denn in ihrem Dehnitzer Haus,
das sie im Dezember 1963 nur wenige Meter oberhalb der Mulde bezogen, stand
diese zu Wochenbeginn nur unwesentlich niedriger als 2002. Doch vor noch
nicht allzu langer Zeit mussten die beiden die Entscheidung treffen, die
knapp 100-prozentige Erhöhung ihrer Versicherungspolice zu akzeptieren
oder den Hochwasserschutz außen vor zu lassen. "Ich habe kurz gezögert",
erinnert sich die 70-Jährige, die vor 50 Jahren mit ihrem 15 Jahre
älteren Gert ihren gemeinsamen Lebensmittelpunkt auf den Mauern einer
alten Pumpstation begründete. "Wir waren der festen Überzeugung,
dass wir am Standort einer Pumpstation sicher vor dem Fluss wären."
Was sie tatsächlich auch über viele Jahre hinweg waren. Bis
zum Schreckensjahr 2002. "Ich habe damals gedacht, dass es nicht wahr sein
könnte", erinnert sich Christine Andrä, die äußerlich
einen starken Eindruck macht. Doch die zierliche Frau verschweigt nicht,
dass die neuerliche Katastrophe an den beiden Rentnern zehrt. "Dass mein
Mann noch auf den Beinen steht, wundert mich, und ich funktioniere auch
bloß, um die versicherungsrechtlichen Dinge schnell zu klären
und unser Überleben zu sichern." Der Zusammenbruch in welcher Form
auch immer sei jedoch vorprogrammiert. Er müsse nur eben warten. Die
nötige Kraft für den Wiederaufbau haben Andräs auch aus
der Unterstützung geschöpft, die ihnen von vielen Seiten zuteil
wurde. "Umso ärgerlicher war es für uns, dass in der Hochwasserzentrale
des Landkreises niemand erreichbar war als wir am Sonnabend Helfer benötigten",
so die 70-Jährige, die mit dem Hochwasserschutz hadert. "Ich bin überzeugt,
dass auch entlang des Flusses viele Fehler gemacht wurden, für die
wir und die anderen Betroffenen die Zeche zahlen müssen."
Doch nicht nur an der Mulde, sondern auch an deren Zuflüssen hadert
man mit den Schutz- oder vielmehr Nichtschutzmaßnahmen. Zuflüssen
wie der Launzige, die als Folge eines Rückstaus beim Abfluss in die
Mulde zum zweiten mal nach 2002 unter anderem das Nitzschkaer Grundstück
von Familie Herr unter Wasser setzte. "Den Zuflüssen wird beim Hochwasserschutz
die geringste Aufmerksamkeit gewidmet", kritisiert Simone Herr, die an
ihrem Türrahmen den Strich für den diesjährigen Höchststand
des Wassers nur unwesentlich unter jenem aus dem Jahr 2002 ziehen konnte.
Einen Schlussstrich unter ihr Leben mit der Launzige-Gefahr indes kann
die Familie nicht ohne Weiteres ziehen. "Das Haus ist unverkäuflich",
gibt sich Simone Herr realistisch. Zwar hat das Hochwasser abgesehen vom
Kinderzimmer die Wohnräume der Nitzschkaer Familie nicht erreicht,
die neuerlichen seelischen Schäden, die die über die Ufer getretene
Launzige bei der 47-Jährigen angerichtet hat, sind indes noch nicht
abschätzbar. "Nach 2002 bin ich bei jedem Regen unruhig geworden,
und jetzt, wo ich mich endlich einigermaßen gefangen habe, kommt
der nächste Hammer." Roger Dietze
Simone Herr: Nach 2002 bin ich bei jedem Regen unruhig geworden, und jetzt, wo ich mich endlich einigermaßen gefangen habe, kommt der nächste Hammer.

Alles auf Anfang: Nach 2002 müssen Christine Andrä und ihr Mann Gert zum zweiten Mal fast wieder bei Null anfangen.

Kleine Striche, große Wirkung: Simone Herr hofft, die neuerliche
Katastrophe mental besser als die erste verarbeiten zu können.
Fotos: Roger Dietze
LVZ Muldental 10. Juni 2013